Mit der behäbigen Vorsicht des Alters kroch der alte Mann die Treppe hinauf in seine warme Wohnung. Seine weiße Hand umkrallte das kaffeebraune Geländer und er zog sich immer weiter nach oben. In der anderen Hand hielt er ein paar weiße Umschläge, die womöglich Rechnungen enthielten. Er hatte noch nicht genau nachgesehen, da er seine Brille auf dem kleinen Tisch in der engen, nach Kohl und Dampf riechenden, Küche vergessen hatte.
Vor 20 Jahren hatte er die Küche das letzte Mal renoviert. Ein paar Fliesen über dem Herd hatten sich schon aus der Schmutzverankerung losgemacht und die Bodendielen jaulten, wenn man auf sie trat. Es sah zwar alles sehr ordentlich aus, doch der Dreck der Jahre lies sich schon längst nicht mehr entfernen.
Auf einem hellblauen Stuhl, gleich neben dem Fenster saß ein grün-rot gestreiftes Zebra und las die Lokalnachrichten in der Zeitung.
„Die haben schon wieder eine Schleckerfiliale überfallen.“, sagte das Zebra und blickte besorgt von der Zeitung auf. Der alte Mann antwortete nicht. Mittlerweile konnte er sogar schon dem Zebra tief in die Augen schauen und es trotzdem ignorieren.
„Wenn das so weiter geht, kann man fast gar nicht mehr aus dem Haus gehen.“, sprach das Zebra weiter und nahm einen Schluck Kaffee aus einer kupferfarbenen und mit lachenden Pinguinen verzierten Gießkanne. „Als ob das Zebra jemals aus dem Haus gehen würde.“, dachte sich der alte Mann. Die meiste Zeit saß es in der Küche und redete dummes Zeug, während es mit den Hufen klackerte.
Der alte Mann wusste nicht mehr genau, wie lange das Zebra schon bei ihm wohnte. Eines Tages kam ein großer Laster und lud das Zebra in dem schmalen und mit Liebe gestalteten Vorgarten ab. Als er die Türe öffnete um nachzuschauen, was da für ein komisches Ding in seinem Garten auf die Tulpen pinkelte, kam das Zebra auf ihn zu, lief an ihm vorbei durch die Tür und hinauf in die kleine Küche und seitdem war es da. Jeden Tag, jede Stunde und auch jede halbe Stunde und nervte herum.
Erst hatte er nicht gewusst, warum das Zebra auf einmal da war und nicht wieder ging. Doch dann viel es ihm wieder ein. Er hatte kurz zuvor einen Vertrag unterschrieben, dem ihn ein Mann unter die Nase hielt, nachdem er bei ihm einen Sturm losgeklingelt hatte. Er musste nur unterschreiben und dann kann er ein rot-grün gestreiftes, sprechendes Zebra gewinnen. Er dachte an ein kleines Plüschtier mit Sprechelektronik für seinen Enkel, bekam aber ein durchaus vitales Lebewesen mit Werbefunktion.
„Der neue Razorblade 3000 hat jetzt 20 Klingen und kostet nur 12.99.“, kotzte das Zebra seine Werbemitteilung aus, welche es alle 10 Minuten von sich gab und unterbrach die Gedanken des alten Mannes. Mit den Händen umfasste er sein Kinn und fuhr mit den Fingern über seine grauen Bartstoppeln. So einen Rasierer könnte er wirklich gebrauchen. Er schüttelte seinen Kopf. Schluss mit diesen Gedanken!
Das Zebra konnte er erst wieder loswerden, wenn er 10000 Euro bezahlt. Hätte er doch nur das Kleingedruckte auf dem Vertrag schon vor der Unterschrift gelesen und nicht erst Tage später, als es schon viel zu spät war, dann hätte er sich den ganzen Ärger sparen können.
Doch dann musste er grinsen. Es hätte auch schlimmer kommen können. Die Bunkewitzels, zwei Häuser weiter, besitzen ein gelbes Nashorn in der Badewanne, welches die Werbemitteilungen mit einer Operettenstimme vorsingt und dazwischen ständig schlüpfrige und unlustige Witze (Kommtn Nashorn beim Arzt) erzählt.
Es hätte schlimmer kommen können…viel schlimmer.